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mitten im Regenwald Tiiere!! Hilfe! Wo ist mein Outdoor Consultant!?! Kieler Nachrichten 12. September 1998 Birgit Heitfeld storydesk@heitfeld.biz |
Wir befinden uns
auf Hinchinbrook Island, einer knapp 40 Hektar großen
Nationalpark- Insel im Gebiet des Great Barrier Reef vor der
Ostküste Australiens. Mangrovenwälder wechseln hier mit
Heidebüschen, Streifen von tropischem Regenwald mit
Palmsümpfen, Euka- lyptusbäume mit einsamen Buchten. Wie man
dahin kommt? Mit dem Boot, von Küstenstädt- chen Cardwell aus,
in Begleitung von Till Gottbrath, der sich hier der Erlebnispäda-
gogik widmet. Deckname: "Crocodile Dundee". Alter: 38 Jahre. Fester
Wohnsitz: Wiesbaden. Der Wanderweg
Thosborne Trail auf Hinchin- brook Island ist 32 Kilometer lang. Die
erste Etappe mit den lästigen Sandfliegenattacken im Mangrovenwald
hatten wir bereits absol- viert. Der Weg führte durch die "Boulder
Bay", eine Bucht mit ovalen und runden Felsen und durch einsame Buchten
mit vulkanischen Felsformationen. Till Gottbrath, nicht nur in Fragen
der Navigation ein Profi, hatte bei Anbruch der Dunkelheit in unserem
Nachtlager auf der nahegelegenen Insel bereits die erste Packung Chicken
Noodle Soup nach Thai Art im Camping-Topf angerührt. In der Wildnis
haben solche of verschmähten Errungenschaften der Zivilisation -
wie eine herkömmliche Tüten- suppe - eben doch ihre
kulinarische Berech- tigung. Schnell gesellten sich auch ein paar
tanzende Ratten zum Festschmaus. Dem pani- schen Aufschrei ("Tiere! Ich
will wieder am Meer zelten!") begegnete der Outdoor-Berater mit beinahe
provozierender Gelassenheit. Kein Grund zur Panik! Schließlich, so
die wissen- schaftliche Erklärung für das Grauen, seien diese
Tiere endemisch, heimische Bewohner, die es nur hier gibt. Also keine
Krankheits- überträger wie Kanalratten. Im Urwald kriecht
selbst die hartesottenste Langschläferin morgens schon um sechs Uhr
zum Sonnenanbruch nur allzu gern aus ihrem Ge- fängnis, dem
Schlafsack, wenn acht Stunden Naturgeräusche in wechslender
Lautstärke das Adrenalin durch den Körper und wieder
zurück gejagt haben. Schon um 6.15 Uhr bereitet Till - ganz
Gentleman - das Frühstück: Chicken Noodle Soup nach Thai Art.
- Ob die scharfe Suppe auf leeren Magen wirklich bekömmlich sei?
Zweifeln begegnet Gottbrath mit inter- nationalem Reise-Know-how.
Schließlich hat er schon 75 Länder bereist und ist mir damit
um mindestens 65 Länder und noch mehr Extrem- touren voraus:
Abenteurer sammeln Berge wie unsereiner Kaffeetassen oder Kunstwerke.
"Die Leute rund um den Globus essen das verrück- teste Zeug zum
Frühstück, und keinem wird davon schlecht", behauptet er. Der Mann ist um
diese Uhrzeit bereits fertig angezogen: grasgrüne Badehose mit
Neonglanz (im Fachjargon:
Trekking-Shorts), Bade- schlappen,
die tags zuvor beim Watschen durch die Sümpfe armtief im Schlamm
verschwunden waren und folglich gerettet werden mussten. Sein
minimalistisches Outfit an diesem Tag täuscht darüber hinweg,
dass es auch für Outdoor-Freaks eine klare Kleiderordnung, fe- stes
Schuhwerk und so etwas wie Statussymbole gibt. Statt Joop, Daniel
Hechter oder Maxx Mara heißen die angesagten Label hier Jack
Wolfskin, Yeti oder Goretex, die Kollektio- nen "Adventure" oder "No
Compromise". Aber Till Gottbrath verabscheut in jeder Welt, auch
outdoor, das Diktat der Mode. Ganz egal, welches Label. Er selbst
beschreibt sich in Modefragen als Funktionalist. Die
Reißfestigkeit neu entwickelter Textilien bei Expeditionen zu
testen fasziniert ihn viel mehr als ober- flächliche Kleiderfragen.
Schwarze Rollis im "Sartre-Look", wie sie "diese Typen aus der
Werber-Szene" und bei den "Kreativ-Agenturen" gerne tragen, seien nicht
sein Ding, erklärt der Outdoor-Consultant in der australischen
Wildbahn kategorisch. "No compromise". Aber das alles
sind Nebensächlichkeiten, wenn es um die Grundlagen der Navigation
geht. Die Wandertouren bringen es ans Tageslicht: Mein Orientierungssinn
ist hundsmiserabel, meine Trittunsicherheit sucht ihresgleichen.
Erschwerend hinzu kommen Kurzsichtigkeit und Unkonzentriertheit, wenn es
um die spärlich placierten Pfeile geht, die den Weg durch die
Wildnis weisen. Dass es auch mit der Motorik hin und wieder hapert,
hatte mir mein Frei- zeitberater spätestens bei der Kanu-Tour auf
dem "Noosa River" charmant verdeutlicht. "Du hälst Dein Paddel wie
ein Mikado-Stäbchen. Oder so, als wolltest Du im chinesischen
Restaurant gerade in eine Portion Chop Suey mit Reis stechen, statt ein
Paddel zu bewegen." Offenbar jedoch
verirren sich jedoch mehr und mehr solcher Stadtkinder wie ich in die
Natur. Nur die wenigsten genießen allerdings den Luxus eines
rettenden "Outdoor Consul- tants" an ihrer Seite. Wie dieser Drang nach
draußen zu erklären ist? Die Natur als Ressource wird knapper
und kostbarer, führt Till Gottbrath als Grund an. Das Wellness- und
Fitness- Bewusstsein wächst. Die Menschen wollen ihren Körper
fit halten und suchen zudem nach Aktivitäten, die ihr Selbstver-
trauen steigern. Und: Sie möchten einfach mal Natur erleben und
Urgefühle wie Durst, Angst, aber auch Freude und Mut spüren. Trotzdem hat der
Beruf des "Outdoor Consul- tant" bislang kein fest umrissenes Jobprofil.
Till Gottbrath studierte in München Betriebs- wirtschaft
Fachrichtung Tourismus. Anschlies- send reiste er drei Jahre lang durch
die Weltgeschichte, neun Monate davon in Süd- amerika und begann,
wie er sagt, mit "ersten journalistischen Gehversuchen". Die
führten schnell in die Chefredaktion des Fachmagazins "Outdoor".
Nach einigen Jahren hatte er keine Lust mehr, die Schönheiten der
Natur immmer nur vom Dia-Leuchttisch aus zu begutachten und entschied
sich für ein Dasein als Freier. Sein Faible
für Sport und Natur, den Spaß am Klettern, Wandern, Reisen
hatte er bereits als kleiner Junge entdeckt. Eigentlich sei sein
ursprünglicher Traumjob Diplomsport- lehrer gewesen, erzählt
Till Gottbrath. Der Hinderungsgrund: eine
Wirbelsäulenschwäche. Wie genau
definiert sich ein "Outdoor Consultant"? Während der Autofahrt im
Camper Richtung "Blue Mountains" mit Ziel Sydney, bei
Tom-Petty-Rhythmen, frage ich ihn: "Wenn Du einen Film über Dich
drehen würdest, wie würdest Du Dich beschreiben?" Die Antwort
kommt schnell und knapp: "Mit viel Ironie." |
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