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 Reise - Getaways
 
Ein Tagesausflug in die Townships

Kapstadt ist heute selbstbewusst genug, den Touristen auch die Schattenseiten Südafrikas vorzustellen.



Hamburger Abendblatt,
13. Dezember 2003
















Birgit Heitfeld
storydesk@heitfeld.biz

 

"Meine Damen und Herren, wir verlassen nun die Reiseflughöhe und beginnen unseren Anflug auf Kapstadt. Klappen Sie bitte die Tische zurück und stellen Sie die Rückenlehnen senkrecht." Während nach der Ansage des Kapitäns noch die letzten Akkorde von David Bowies "Ziggy Stardust" und Kantaten von Bach aus dem Bordfunk rauschen, nähern sich vor dem Flugzeugfenster erdfarbene Quadrate und Rechtecke, Gebäude, Stadtviertel. Minuten vor dem Bodenkontakt fliegt der Jumbo über kilometerlange Ansammlungen von kleinen Blech-, Papp- und Holzhütten. Dies sind die Townships von Kapstadt, die sich entlang der Autobahn N2 vom Airport Richtung Innenstadt schlängeln.

Eine Art von Nachbarschaft, in der immerhin der größte Teil der Menschen in der knapp vier Millionen Einwohner zählenden Metropole wirklich leben. "Wir brauchen den Tourismus", wird Tour-Guide Peter später betonen, während er seine Gäste aus Germany in den Ledersitzen seines klimatisierten Mercedes Richtung Wine-Country kutschiert. Golfplätze und hochmoderne Shopping-Malls zur Linken. Kilometerlange Reihen von barackenartigen Hütten und Blech-Containern, kaum winterfest, zur Rechten. Auf der Standspur der Autobahn kommen immer wieder Schwarze entgegen, die Holz in Einkaufswagen in Richtung Townships schieben: Brennholz zum Kochen und Heizen. "Ein Tourist bedeutet hier zwei Arbeitsplätze", rechnet Peter vor, während er im Auto von den Höhlenmalereien der "Cavemen" und den Outdoor-Möglichkeiten in Südafrika schwärmt und zum Lunch zu einem schicken Garten-Restaurant fährt.

Was Peter nicht unbedingt meint, wenn er von Tourismus spricht, sind Tagesausflüge in die Townships, in die Viertel der Armen. Doch immer mehr Gäste aus dem Ausland interessieren sich auch für diese Realität des neuen Südafrika, für die Kulturgeschichte und den Alltag der unterprivilegierten Menschen, zumeist Schwarze. Ob Jugendherbergen oder typische Touristenhotels: Sogar im neu eröffneten Fünf-Sterne-Glaspalast "Arabella Sheraton" können sich die Besucher an der Rezeption zu einer geführten Township-Tour anmelden, nachdem sie zum Beispiel ihre Anti-Jetlag-Massage im 18. Stock des gläsernen Turms oder einen frischen Zitronentee auf der Leder-Chaiselongue ihrer Suite mit afrikanischen Kunstwerken an den Wänden und einen sagenhaften Blick auf Tafelberg und Waterfront genossen haben.

Bis dato machten Touristen meist einen großen Bogen um die Townships. Die Bilder von Armut, Gewalt, Aids waren zu abschreckend. Während der Zeit der Apartheid waren die Townships No-no-Plätze für Outsider, vor allem in schwarzen Gegenden.

"Nein, Sie brauchen sich nicht zu fühlen, als kämen Sie in den Zoo", versichert nun Brian, der für "Grassroute Tours" arbeitet und seine Schäfchen aus den Hotellobbys der Innenstadt einsammelt. Die Halbtagstour kostet 40 Euro. Im Preis ist eine Versicherung inbegriffen; ein Teil des Geldes kommt Projekten in der Community zugute. Wer für einen ganzen Tag bucht, kann zusätzlich die Gefängnisinsel Robben Island besichtigen, auf der Nelson Mandela knapp zwei Jahrzehnte inhaftiert war.

Brian, ein sanfter Typ Mitte Vierzig, kommt selbst aus "District Six" - Kapstadts berühmtester Township anno 1867, die sogar schon Stoff für ein Musical lieferte und deren wechselvoller Geschichte in Kapstadt ein eigenes Museum gewidmet ist. Grund: 60 000 Menschen wurden aus District Six zwangsweise ausgesiedelt und mussten in Gegenden außerhalb, in die so genannten Cape Flats ziehen, als das innerstädtische Gebiet während der Apartheit im Jahre 1966 zur "white area" deklariert wurde. Mit Bulldozern wurde die Siedlung platt gemacht, und seit Anfang der 80er-Jahre liegen diese Grundstücke ganz brach. Niemand wollte sie kaufen, selbst ausländische Investoren meinten, dies sei keine gute Addresse für ihr Business. Demnächt soll das Land an Teile der Bewohner zurückgegeben werden.

Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts wohnten in District Six einmal befreite Sklaven, Kaufleute, Immigranten. "Es war ein vibrierendes, multikulturelles Viertel, wo Menschen unterschiedlicher Hautfarbe und Herkunft, Juden und Muslime friedlich nebeneinander lebten", sagt Brian und zeichnet mit dem ausgestreckten Arm die Ausmaße dieser Nachbarschaft nach. "Ich selbst habe indische, schottische und afrikanische Khoi-Vorfahren", erzählt er.

Bevor Brian seinen Lebensunterhalt als Tour-Guide verdiente, hat er im Township Schuhe repariert. Schuhe müssen immer repariert werden, sagt er während der Autofahrt, denn Menschen, die in solchen "inoffiziellen" Siedlungen leben, müssen alle Wege zu Fuß absolvieren. Die nächsten Stopps auf der Tour sind Khayelitsha (wörtlich übersetzt: neues Zuhause) und Langa (Sonnenschein). Die Arbeitslosenquote in den Townships: 65 Prozent.

Bretterbuden und alte, ausrangierte Transport-Container dienen heute als Ladenlokal für Frisöre und andere Dienstleister in der Schattenwirtschaft. Eine kleine Hütte ohne Dach und Fenster, so der Tour-Guide, ist für umgerechnet 350 Euro zu kaufen. Heizung gibt es nicht. Im Winter werden nachts die heißen Kohlen von der Feuerstelle zum Wärmen auf den Fußboden geschoben. Wer fließend Wasser in seinem Zuhause hat, zahlt umgerechnet sieben Euro pro Monat. Es riecht nach gegrilltem Fleisch und Paraffin, draußen wäscht eine Familie ihre Kleidung an einem öffentlichen Wasserhahn.

Die Gegend aus provisorisch anmutenden Schuppen und Buden erinnert an ein Nachkriegsszenario. Von den Bandenkriegen und der Gewalt in den Townships erzählt Brian wenig. Mehr spricht er von den Projekten, die Vorbild-Charakter haben, hoffnungsvolle Tendenzen aufzeigen und deshalb als Stopps in seine Tour eingebaut sind. Zum Beispiel Vicky Ntonzini: Sie betreibt seit ein paar Jahren das kleinste "Bed & Breakfast" Südafrikas mit zwei Zimmern in der Township Khayelitsha. Der Wohnbereich der Hütte ist vollgestellt mit Souvenirs, einer persönlichen Einladung an sie zum Empfang im britischen Konsulat, einem "Entrepreneurship"-Award, den Vicky bei einer Tageszeitung als mutige Unternehmerin gewonnen hat. Die ersten Touristen hier waren Deutsche. und ihr Mini-Hotel spricht sich schnell herum.

Und dann ist da Rosie, die eine Suppenküche gestartet hat, in der Schulkinder morgens Frühstück sowie ein warmes Mittagessen bekommen. "Das hier ist unsere Township-Mikrowelle", sagt sie, und zeigt auf einen Isolierbeutel, mit Alu gefüttert, der mittags den Reis warmhält. Mit den Touristen kommen auch mehr Spenden und Unterstützung für die Projekte. Auch die Afrikanerin Rosie, die auf eigene Faust eine kleine Vorschule gegründet hat, in der Kinder aus Analphabeten-Familien für eine richtige Schule qualifiziert werden können, gehört zu den großen Vorbildern ihrer Community.

Golden, der früher in der Goldmine arbeitete, musste sich mit dem Umzug nach Kapstadt eine ganz neue Aufgabe suchen, um seine sechs Kinder zu ernähren. In seiner Hütte hat er eine Art Blumenladen installiert, wo er aus alten Coladosen Metallblumen an Stengeln ausschneidet, knallbunt lackiert und für einen Dollar das Stück an Touristen verkauft. Im Schnitt muss eine vierköpfige Familie in der Township mit umgerechnet 70 Euro im Monat auskommen.

Brian kutschiert die Touristen zurück in ihre Hotels. Vorbei an den "nobleren" Gegenden innerhalb der Townships, wo einige Mittelschicht-Familien hinter Zäunen und gesichert durch eine Alarmanlage wohnen. "Dies hier", schmunzelt der Tourguide, "sind unsere Beverly Hills."




























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