"El Once" -
30 Jahre nach dem Putsch
Chile - zwischen Vergangenheits-
Bewältigung und
Neoliberalismus
Solatino 10/2003
Birgit Heitfeld
storydesk@heitfeld.biz
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Im Philturm an der
Hamburger Uni werden Flugblätter verteilt und Rotwein
ausgeschenkt. Aus dem Hörsaal klingt Gitarrenmusik in Erinnerung
an den ermordeten Protestsänger Victor Jara, bevor die
Gastrednerin des Abends, Viviana Díaz, sich mit ihrem
politischen Vortrag an die größenteils angejahrten
Zuhörer wendet. Auf ihrem Jackett prangt eine auffällige
Schwarzweiß-Fotografie ihres Vaters - einem jener politischen
Gefangenen in Chile, die in der Diktatur unter Augusto Pinochet (1973-
1990) spurlos „verschwanden“. Als Generalsekretärin der
Vereinigung der Familienangehörigen der verschwundenen politischen
Gefangenen Chiles („Desaparecidos“) tourt Díaz heute,
dreißig Jahre, nachdem mit dem Putsch gegen Salvador Allende die
Diktatur in dem kleinen Andenstaat begann, unbeirrt nach Europa, um ihr
Ziel, die Aufklärung dieser Fälle, voranzutreiben. In diesen
Wochen und Monaten rund um den schwarzen 11. September werden in
Deutschland Gedenkgottesdienste, Dichterlesungen,
Solidaritäsveranstaltungen abgehalten. Die Erinnerung an die
chilenischen Exilanten während der 70er und 80er Jahre in
Deutschland ist ungebrochen. Pünktlich zum Putschtag erschien in
deutscher Sprache das Buch des in den USA lebenden chilenischen
Schriftstellers Ariel Dorman: „Den Terror bezwingen. Der lange Schatten
General Pinochets“, in dem Dorfman ein empathisches Plädöyer
gegen Pinochets Straffreiheit („imunidad“) aufgrund ärztlich
diagnostizierter Demenz) verfasst hat.
Beinahe könnte man den Eindruck gewinnen, dass der Putschtag, „El
Once“, und die Verarbeitung der Vergangenheit im Ausland intensiver
betrieben wird als vor der eigenen Haustür. Als Pinochet im
Februar 2000 aus dem Londoner Hausarrest in seine Heimat
zurückkehren durfte, gab es in Santiago nicht nur Proteste gegen
den Diktator, sondern auch Begeisterung und Jubel auf Seiten seiner
Anhänger. Nicht nur politische Bürgerrechtler reisen in
diesen Wochen auf den alten Kontinent.
Ganz unabhängig davon sind auch Unternehmensvertreter und
Repräsentanten in wirtschaftlicher Mission unterwegs, um zum
Beispiel für chilenische Produkte zu werben - ob Honig oder
Jakobsmuscheln, Ziegenkäse, Biowein oder
Premium-Olivenöl vom Ende der Welt. Chile gilt, verglichen mit
Staaten wie Argentinien oder Brasilien, als wirtschaftlicher Tiger
Südamerikas. Seit Februar gilt das Assoziierungsabkommen zwischen
dem kleinen Land und der EU. Das erleichtert die Handelsbeziehungen,
zum Beispiel durch Zollfreiheit im Nahrungsmittelsktor. Als Abnehmer
für chilenische Lebensmittel spielt die Europäische Union mit
einem Importvolumen von 40 Prozent eine bedeutende Rolle für die
Chilenen. „Lachs und Wein aus Chile kennt jeder“, sagt Manuel Zamora,
Geschäftsführer von “Chevrita“, der seine Produkte auf dem
alten Kontinent unter die Leute bringen will und sich mit seinem
Business der Marketing-Kampagne und Handelsreise von „Prochile“, der
Wirtschaftsabteilung der Botschaft, angeschlossen hat.
Auch mit den USA und Korea existieren solche Abkommen, was dem Land
einen fast zollfreien Exportmarkt mit der Hälfte des
Welt-Bruttoinlandsproduktes beschert. Im ersten Quartal 2003 wuchs das
Bruttosozialprodukt um 3,5 Prozent. Die Armutsrate beträgt im
Vergleich zu 1990 (40 Prozent) heute noch 20 Prozent.
Der Neoliberalimus der 90er Jahre ist in der Hauptstadt Santiago mit
hochmodernen Vierteln unübersehbar. Hier hat kürzlich das
erste „Ritz Carlton“ Lateinamerikas seine Rezeption geöffnet, und
auch die Kaffeekette „Starbucks“ aus Seattle hat bei ihrem Siegeszug
als ersten Stützpunkt in Lateinamerika Santiago de Chile
auserkoren. Mit dem sogenannten "sanften" Übergang zur Demokratie
(Pinochet wurde damals mit knapper Mehrheit abgewählt) leiden nun
viele Chilenen an dem Verlust an Solidarität in der Gesellschaft,
der zur Zeit Allendes präsent gewesen sei. „Ich glaube, die
schlimmste Folge der Diktatur ist, dass es keine wirklichen politischen
Debatten gibt, keine reale Streitkultur über politische und
kulturelle Fragen, keine Visionen“, sagte die Musikerin Horacio Duran
gegenüber der Zeitschrift „Matices“.
Auch der
preisgekrönte Krimi-Schriftsteller Ramon Eterovic Díaz
lässt seinen Kommissar Heredia dieses Gefühl von wachsender
sozialer Kälte nachempfinden, der mit seinem Kater Simenon die
Fälle von Wirtschaftskriminalität und Korruption löst,
Musik von Mahler hört und durch die Avenidas der sich rapide
modernisierenden Hauptstadt Santiago streift.
Birgit Heitfeld
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