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 Lifestyle

Kalorien-
Bombenalarm!


Pralinen selber machen: Ein Kurs
mit Adolf Andersen
 


Süddeutsche Zeitung
SZ Wochenende
1./2. Juni 2002






Champagnertrüffel, Teepralinen, Petits Fours und handgegossene Schokolade, die wie Schmelz auf der Zunge zergeht: In Hamburg hat das Paradies hat einen Namen: Andersen. Hart- gesottene Schokoholics sollten die Geschäfts- lokale dieser Firma meiden, Gewichtsbewusste sowieso. Die Andersen-Vitrinen sind voll mit kalorienhaltigen Sprengsätzen wie Weincreme, Weinbrandbohnen, Caracas-Torte, Orangentorte, Sachertorte, Haselnuss-Krokant oder "Black Champagne". Doch damit nicht genug: Damit die sündhafte Verlockung auch noch nach Geschäfts- schluss weiter wirkt, gibt der Meister, Adolf Andersen, jetzt Hilfe zur Selbsthilfe, in Form von Pralinenkursen.

Nicht wie hin? Obacht! Vor dem hemmungslosen Schwelgen im Genuss stehen, wenn schon nicht Mühsal und Plage, so doch Arbeit und aller- höchste Sorgfalt. Und, das wird schon in der ersten Lehrstunde klar: Der Sinn fürs Süße allein macht einen so wenig zum Pralinenbäcker wie die Lust daran. Stattdessen braucht, wer auch nur annähernd an den Meister heranreichen will, Übung, Übung und immer wieder Übung. Und wahre Pianistenhände obendrein.

Auf dem Programm stehen Cointreau-Orangen- stäbchen, Schichtnougat, Rum-Canache-Spiralen und Mandelsplitter. Klingt ziemlich professionell! Damit es auch so aussieht, bekommt jeder Teilnehmer des Pralinenkurses eine papierne Kochmütze aufgesetzt und eine Schürze umgehängt. Auf einer Anrichte stehen die Zutaten bereit, Cointreau, Schlagsahne, Rum, kleine Tabletts mit Schokoladenbruch.
Und sonst noch so allerhand.

"Wenn die Zutaten schon nicht gut sind, kann es das Ergebnis auch nicht sein", so Ander-
sens erster Merkspruch. Was die Schokolade betrifft: Da macht's die Mischung aus den richtigen Kakaobohnen. Andersens Schoko- Lieferant verarbeitet Bohnen von der polynesischen Äquator-Insel Kiribati, aus Venezuela, Madagaskar, Ecuador, Jamaica und Trinidad. Eingekauft werden sie bei ausge- wählten, meist kleinen Plantagen. Das alles "sieht man nicht", sagt Adolf Andersen,
"aber man schmeckt's."

Was einleuchtend klingt - und doch nicht
immer wahr ist: Nachdem Millionen von Zuschauern und er selbst den Film "Chocolat" mit Juliette Binoche gesehen hatten, schuf
der um Merchandising-Ideen selten verlegene Konditormeister seine "Chili"- Pralinen -
nach dem Origianlrezept der Filmvorlage.

Wir hier im Kurs, von solchen Höhenflügen noch weit entfernt, halten uns erst einmal ans ABC der perfekten Kouvertüre; das ist die Oberfläche der Praline. Immerhin stoßen wir auch hier schon auf Geheimnisse, wie das der richtigen "Conchierens". So heißt das, wenn die Kouvertüre-Schokomasse erhitzt und gerührt wird. "Je länger, desto besser", weiß die Konditorin Jenny: die rührenden Bewegungen bringen Sauerstoff an die flüssige Schokolade und runden so deren Geschmack ab. Zuckerkristalle sorgen dafür, dass die Kouvertüre später den richtigen Glanz und Bruch hat. Die magische Formel lautet: ZBT - Zeit, Bewegung, Temperatur. Wobei gilt: "Je niedriger die Temperatur, desto heller die Kouvertüre." Getestet wird der Erwärmungsgrad mit einem Apparat, der besonders sensibel auf Temperaturunterschiede reagiert: Der Fingerrücken. Dann wird's inhaltlich: Es geht um die Füllung der Pralinen. Mit einem überdimensionalen Eierschneider zerteilen wir das Schichtnougat erst in breite Streifen und darauf in kleine Vierecke, messen mit Linealen Marzipan ab und tunken schließlich die Praliné-Rohlinge in die warme, zähflüssige Kouvertüre. In Andersens Firmenalltag wird diese Arbeit von Maschinen erledigt, die nach dem Prinzip einer Autowaschanlage funktionieren: Die Pralinen fahren
einfach durch.

Im übrigen lernen nicht nur Laien bei Andersen, sondern auch angehende Profis. Selbst aus Australien und Japan rekrutiert sich die Adeptenschar des 64-jährigen Hamburger Konditormeisters, der sein Handwerk schon in der dritten Generation betreibt.

Mittlerweile beschäfigt das Unternehmen mit seinen sieben Filialen 120 Mitarbeiter. Und damit das so bleibt, damit die Lust auf Pralinen nicht dem Schlankheitswahn eines hysterischen Zeitgeists zum Opfer fällt, ist ausgerechnet der Meister der süßen Sünde seit vier Jahren Mitglied der "Slowfood"-Bewegung. Deren Prinzip: Wer Nahrungsmittel natürlich und gut zubereitet und sie in Ruhe und mit Genuss ist, braucht sich um seine Linie weniger Gedanken zu machen als ein Fastfood-Fresser. Anders gesagt: Richtiges Essen ist mehr eine Frage der Qualität als der Quantität. Das gilt beruhigenderweise sogar für Pralinen. Andererseits: Dünner wird man davon auch nicht.

 

 




















www.cafe-andersen.de


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