Stories


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 Reise - Getaways
 
Im Rollstuhl
nach NYC,
no problem


Eine ungewöhnliche Städtereise als ganz persönliches, mutiges Abenteuer


Erschienen:
Die Welt, 10. Okt. 2003
















Birgit Heitfeld
storydesk@heitfeld.biz

 

Die Dame an der Rezeption hat offenbar ihren "Bad Hair Day". Sie plaudert mit ihrer Kollegin ungerührt über die neusten Männerbekanntschaften und die besten Maniküre-Studios in Manhattan. Business as usual. So hatte Steffen Prey sich seine Premiere am Broadway wirklich nicht vorgestellt. Bislang kannte der 21-Jährige aus Rellingen in Schleswig-Holstein, seit Geburt schwerstbehindert, New York nur aus den Medien. Doch die Webcam spiegelt nicht wider, wie laut, schnell und bunt es am Times Square zugeht.

Nach dem Frischmachen geht es ins Weltstadtgewühl dieser wilden Betonwüste namens "Big Apple". Das Hotel liegt nahe des Empire State Building. Nur wenige Minuten - ein paar Amerikaflaggen, eine Sicherheitskontrolle und zwei rumpelige Aufzugfahrten - später präsentiert sich die launische Diva New York von einer ganz anderen Seite. Von hier oben wirken die Wolkenkratzer wie filigrane, zerbrechliche Kunstwerke, eingetaucht in rosa Abendlicht. Winzige Fähren ziehen auf dem Hudson ihre Bahnen. 80 Stockwerke tiefer, in Häuserschluchten und schnurgeraden Avenues, geht der Nahkampf im City-Dschungel weiter. Wir schieben Steffen im Rollstuhl holpernd vorbei an dampfenden Gullies und Schlaglöchern, die provisorisch mit Eisenplatten bedeckt sind. Hindurch zwischen schrottreifen "Yellow Cabs", blankpolierten Stretch-Limousinen und schwarzen Mülltüten. Es riecht nach verbrannter Pizza und China-Imbiss.

Die meisten Menschen im Rollstuhl würde diese Stadt abschrecken. Steffen Prey nicht. Er wollte sehen, wie auf diesem gedrängten Flecken Erde die Welten aufeinanderprallen. Der angehende Online-Journalist bei einer Radiostation in München kann nur einen Arm und seinen Kopf koordiniert bewegen. Das Tempo Manhattans hat schon Besitz von ihm ergriffen.

"Gib mal'n bisschen Gas!", bittet er seine Mutter, die den Rollstuhl zum vergoldeten "Trump Tower" in der Upper East Side, 57. Straße, steuert.

In Steffen Preys Behindertenausweis steht "B" für Begleitung: Er kann so einen Trip nie ohne Unterstützung absolvieren. Bei der telefonischen Ticket-Reservierung von Lufthansa werden Details wie Extra-Service, Maße des Rollstuhls und Art der Behinderung abgefragt. Die Daten verwandeln sich später in Dienstleistungen, etwa beim Check-in und Umsteigen. Wenn es heißt: "Sanis, ready for pre-boarding", geht es ins Flugzeug.

Nach dem Take-off werden die ersten Drinks gereicht. Die Flugbegleiterin geht durch die Kabine und klebt an viele Sitze bunte Punkte: Manche Passagiere wollen koscher essen, andere vegetarisch, wieder andere Hindu. Ein Fluggast verlangt Aspirin. Steffen will nur zur Toilette.

Der Weitsicht von Kabinenausstattern ist es zu verdanken, dass sich in einem Jumbo mit 396 Passagieren in 12 000 Metern Flughöhe ein Mini-Bord-WC in eine rollstuhlgerechte Toilette verwandeln lässt. Der Umbau gestaltet sich zeit- und personalintensiver als erwartet. Erprobte Bastler sind hier klar im Vorteil.

Für einen "Rolli" misst sich die Topographie New Yorks in Rollstuhlrampen, behindertengerechten Bussen, Hotlines und hilfsbereiten Menschen. Die Busfahrt in die Wall Street erlebt man wie eine dichte Folge von Bildern, als einen Mikrokosmos aus Nationalitäten und Neurosen. Ground Zero und Brooklyn Bridge lassen sich von hier aus zu Fuß erreichen. Weiter geht es nach Chinatown, vorbei an asiatischen Supermärkten, Shops mit Billigprunk aus Korea.

Um 18 Uhr öffnet der Jazz-Club "Blue Note" im Village. Trompeter und Pianist Arturo Sandoval, Exilkubaner und Grammy-Preisträger, steigert mit seinem eindringlichen Latin Jazz die Wirkung der Cocktails. Beim Frühstück am nächsten Morgen unterhalten wir uns bei Muffins, Rührei und Orangensaft noch einmal über das Konzert. Zeit zum Aufbrechen.

Der "Bellman" schlägt vor, statt des Express Bus einen Wagen zu nehmen. Überredet. Kurz darauf betritt ein Chinese die Lobby. Ob der Rollstuhl in den Kofferraum passt? "No ploblem!" Draußen will der Fahrer den Kofferraumdeckel mit Gewalt zuschlagen. Hätte er vorher gefragt, wüsste er, dass Steffens Rollstuhl 89 mal 59 mal 93 Zentimeter misst und nicht in seinen Lincoln Towncar passt. Schließlich wird die Klappe mit einem Band am Auspuff befestigt. Das "rollstuhlgerechte" Taxi zum Airport bewährt sich nur wenige Meilen, dann löst sich das Band.

Auch bei der Landung in Hamburg zeigt sich: Jemand beim "Handling" hat nicht richtig in Steffens Papiere geschaut, den Rollstuhl versehentlich falsch montiert. Ein Fall für den Pannendienst. Für Steffen kein Grund, künftige Reisepläne zu verwerfen. Er hat sich für weitere Trips eine Miles & More-Karte besorgt. "Old Frankie-Boy" würde ihm da beipflichten und seine alte New-York-Hymne schmettern: "If you can make it there ..."

Informationen: Eine kostenlose Broschüre der Arbeitsgemeinschaft Deutscher Verkehrsflughäfen (ADV) gibt Informationen über Einrichtungen und Services für Behinderte an den deutschen Airports. Bestelladresse: ADV, Fischer Insel 16, 10179 Berlin. Tel. 030/310 11 80. Mehr im Internet: www.adv-net.org Flughafen: Am Frankfurter Flughafen schlägt das Herz des Lufthansa Betreuungsdienstes: 250 Mitarbeiter helfen Rollstuhlfahrern, Blinden, Tauben, Kranken, Alten, allein reisenden Kindern und Menschen mit Sprachproblemen durch die Gates (im Internet: www.lufthansa.com, siehe: Lufthansa Services, spezielle Services, Reisen ohne Barrieren). Bucht irgendwo in der Welt ein betreuungsbedürftiger Passagier ein Lufthansa Ticket, treffen seine Daten im Frankfurter Rechner ein und werden in Anfragen und Services verwandelt. 2002 nahmen fast 350 000 Gäste, auch von anderen Airlines, diesen Sonderdienst in Anspruch. In einem speziellen Aufenthaltsraum können sie Kaffee trinken, sich ausruhen oder lesen und werden pünktlich zum Take-off von ihrem Betreuer wieder abgeholt. Auch an vielen großenZielflughäfen sind die Helfer im Einsatz.
                        
                              Birgit Heitfeld

 

























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