Satelliten sorgen
für sichere Flüge
Luftstraßen:
Mehr Sicherheit
und keine Staus
mehr beim Fliegen? Der amerikanische Flugzeugbauer Boeing will mit
einem
neuen System den Luftverkehr
global steuern
Welt am Sonntag
Innovation
15.
Juni 2002
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Hamburger Abendblatt
Wissenschaft,
15. Oktober 2002
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Die heutige Situation am
Himmel ist vergleichbar mit dem Straßenverkehr. Ampeln und
Verkehrspolizisten regeln den Verkehr. Es gibt viele Staus, vor allem in
Europa", sagt John Hayhurst. Der Amerikaner leitet bei Flugzeugbauer
Boeing das Programm ATM. Die drei Buchstaben stehen für Air Traffic
Management - ein Luftverkehrssystem, das in der Zukunft die Staus am
Himmel, vor allem über Europa, verhindern helfen und für mehr
Sicherheit sorgen soll. Die amerikanischen Flugzeugbauer verfolgen ein
ehrgeiziges Ziel: Innerhalb der nächsten acht bis zehn Jahre wollen
sie mit Hilfe von Partnern ein Kommunikationssystem entwickeln, um den
Luftverkehr global zu steuern. Axel Raab, Sprecher der Deutschen
Flugsicherung DFS, hält das für eine gewagte Prognose.
Die heute genutzten Mittel zur Kommunikation
und Ortsbestimmung von Flugzeugen sind Funk, Radar und GPS. Radar stammt
aus den 30er-Jahren. GPS, das Global Positioning System mit insgesamt 24
Satelliten, wurde in den 80er-Jahren von der US-Regierung zunächst
für militärische Zwecke eingerichtet. Per Radar lassen sich
Flugzeuge orten, ihre Höhe und ihr Kurs feststellen - allerdings
mit Zeitverzögerung. Per Funk erfolgen Freigaben für
Flugplan, Höhen- und Kurswechsel.
Weil
Flugsicherungen bis dato meist national organisiert sind, müssen
die Flugzeuge sich von Kontrollzone zu Kontrollzone vortasten. Das ist
umständlich. Fluglotsen sehen die Position des Fliegers, entwickeln
im Kopf ein Szenario für den nächsten Streckenabschnitt und
geben ihr Okay. "Das Ganze funktioniert wie ein Puzzlespiel", so ein
Boeing-Sprecher.
Drei
Elemente des neuen Air-Traffic-Management-Modells: Der erste Pfeiler
des neuen Air Traffic Management (ATM) heißt Integration, also
Vernetzung der vielen, unterschiedlich kleinen Kommunikationssysteme und
Bausteine von heute. Das geschieht mit Hilfe von Satelliten. So soll es
künftig zum Beispiel
möglich sein, eine Flugroute von Anfang an ganz zu
überblicken. Piloten, Flugsicherung und Flughäfen können
alle miteinander kommunizieren. Ein Gesamtbild der Situation soll
möglich werden, und zwar in Echtzeit. Der Pilot kann alle
Informationen an seinem Display im Cockpit sehen und ablesen. Piloten
könnten dann mehr Verantwortung bekommen, so Raab. Und der
klassische Fluglotse von heute, der die für den Flugkapitän
verbindliche Navigation gibt, könnte zum Manager werden, der die
Lage einschätzt und Empfehlungen gibt. Statt nur die aktuelle
Position des Flugzeugs zu bestimmen, soll künftig bereits 40
Minuten im Voraus zu erkennen sein, auf welches Szenario die Maschine
treffen wird. Das soll Konflikte und Unfälle besser vorhersehen und
vermeiden helfen.
Das zweite
Element, das für ein neues Management der Verkehrswege am Himmel
diskutiert wird, ist das Re-Design. Übersetzt: Die derzeit
gültigen Sektoren am Himmel sollen neu definiert und zugeschnitten
werden. Das schafft mehr Platz, sagen die Experten. Heutzutage
müssen die Kontrolleure in den einzelnen, kleinen (nationalen)
Sektoren viel Platz bereitstellen, um sichere Passagen zu
gewährleisten. Künftig hofft man, die Routen im
größeren Stil planen und damit wesentlich beweglicher und
detaillierter gestalten zu können. Der Luftraum, vor allem im
staugeplagten Europa, sei auf diese Weise besser nutzbar.
Drittens
soll eine Aufteilung in einen oberen und unteren Luftraum erfolgen. Der
obere Luftraum ist dort, wo sich die Flugzeuge auf ihrer
Reiseflughöhe eingependelt haben. Dieser Bereich ließe sich
zentral überwachen. Der untere Luftraum, wo An- und Abflug
stattfinden, könnte weiterhin seitens der nationalen Institutionen
erfolgen.
"Wir wollen mehr Flugzeuge verkaufen. Deshalb
müssen wir dafür sorgen, dass der Luftraum besser genutzt
wird", sagt John Hayhurst, Programmchef für ATM bei Boeing, mit
etwas Ironie in der Stimme. Mit dem Air Traffic Management, einem Markt
von geschätzten zehn Milliarden Dollar jährlich, wollen die
Amerikaner künftig Kasse machen. Zum Vergleich: Boeing hat im
vergangenen Jahr Flugzeuge im Wert von 35 Milliarden Dollar
ausgeliefert. Der gesamte Konzern wird derzeit umstrukturiert und stellt
sich mit neuen Geschäftsfeldern auf. Damit will man der wachsenden
Konkurrenz der Europäer begegnen.
Die
größten Hindernisse auf dem Weg zum globalen
Verkehrsmanagement sieht Hayhurst nicht in den technischen
Voraussetzungen, sondern in den politischen Befindlichkeiten. Viel
Überzeugungsarbeit sei in der Konzeptphase nötig, um auf einen
gemeinsamen Nenner zu kommen. Boeing bietet immer mehr Services im
Bereich Kommunikation an, so zum Beispiel auch Internet im Flugzeug.
Wird das neue Luftverkehrsmanagment Wirklichkeit, ändern sich auch
die Berufsbilder. Den Fluglotsen von heute wird es dann nicht mehr
geben, sondern vielleicht den Air Traffic Manager.
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