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Special: Chile | |
| An Chiles sieben Seen Kieler Nachrichten 3. Mai 2002 Birgit Heitfeld storydesk@heitfeld.biz |
Ein Verkäufer
läuft mit seinem Bauchladen am Strand auf und ab und preist seine
„Pajaritos“ an. Diese kleinen zuckerhaltigen „Vögelchen“ aus Teig
und weißer Creme drauf sind in Wirklichkeit ein einziges Attentat
auf die Figur. Wer im Bikini am dunklen Lavastrand des „Lago Conaripe“
liegt, verzichtet lieber. Zwei Jugendliche hissen ihr Segel zum
Windsurfen, in der Ferne raucht es aus der Bergspitze des lebendigen
Vulkans Villarica, den man in Begleitung eines Führers besteigen
kann. Eine ältere Dame mit Picknickkorb hat auf dem Weg von
angrenzenden Örtchen Conaripe zum Strand unter ihrem Arm
Lektüre klemmen, ein Blättchen mit den neuesten Nachrichten
aus Show und Adel. Sommerfrische auf chilenisch: Der glasklare „Lago
Calafquen“gehört zu den „Siete Lagos“ (ein zusammenhängendes
Ökosystem), die wiederum einen Teil des chilenischen Seengebiets
bilden. Das Naturparadies aus Urwald, Seen, Bergen und Vulkanen ist
gut 800 Kilometer von der Haupststadt entfernt, also eine Nachreise im
Bus von Santiago nach Villarica. Die sieben Seen liegen alle in einer
Entfernung von etwa 100 Kilometern zueinander. Ob Wandern, Reiten,
Surfen, Schwimmen, Riverraften, Angeln – der Trip hierher lohnt
besonders für Outdoor-Freunde. Die einheimischen Überlandbusse pendeln pendeln mitunter nur einmal
täglichvon einem Ort zum nächsten, zum Beispiel nach Liquine.
Dieses Dörfchen, nur anderthalb Busstunden von Ausgangsort Conaripe
entfernt, besteht aus einer einzigen langen Straße, die in den
Anden an der argentinischen Grenze endet. Übernachtung
hier am Ende der Welt bietet das Familiengasthaus „La Frontera“ mit
chilenischer Mama-Küche für ganze 15 (!) Euro Vollpension. Die
Währung hier heißt zeit, nicht Geld. Das lang ersehnte
Abendessen, „La Cena“, wird nicht zu einem gewünschten Zeitpunkt
serviert, sondern erst dann, wenn die Chefin des Hauses für ihre
Familie die Kochmütze aufsetzt. Kredenzt wird eine Gemüsesuppe
plus Rindfleisch mit Tomatensalat. Während
im Esszimmer per Fernsehen der Schlagerwettbewerb aus Valparaíso
übertragen wird, wummert aus der Familienküche ein
herzzerreißender Belcanto „Es roto es corazon – das Herz ist
gebrochen“. Kein Nachbar beschwert sich. Die sieben Seen –
namens Calafquem, Neltume, Pellaifa, Panguipulli, Pirihueico, Pullinque
und Rinihue – haben ihre Namen von den Mapuche, den Indianern Chiles.
Pirihueco zum Beispiel heißt übersetzt „Wurm“. Dieser See
schlängelt sich von einem Örtchen namens „Porto Fuy“ fast bis
zur argentinischen Grenze. Beliebt ist eine zweistündige
Fährfahrt, durch eine einsame Gegend. Touristen, aber auch
Warenladungen wie Holz werden auf der blauen „Barcasa“ über den See
befördert. Der Fährmann, der seit Jahren tagaus, tagein, hin
und her pendelt, würde Stoff für eine poetische Figur in einem
Roman von Antonio Skármeta abgeben. Eine argentinische
Familie mit Onkel und Schwiegertochter zelebriert in der
Abenddämmerung auf der Fähre ihre Mate-Teestunde. Die
himmlische Ruhe in Puerto Fuy wird derzeit nur durch ein einziges
Geräusch gestört. Am Ufer des Sees ist ein blechernes Riesenungetüm
drapiert, auf dem mit Kreissägen und Schweißbrennern
gearbeitet wird. Danben ein Haus, in dem ein Ingenieur sitzt und die
Arbeit an der neuen Fähre koordiniert. Am anderen Ende des Sees
angekommen, möchte man am liebsten weiterreisen. Nach Argentinien
durch die Anden. |
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