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  Reisen - Travel
 
Grönland,
ein Sommer-
nachtstraum

Zum Sommer gehört Eis. Und davon gibt es auf der größten Insel der Erde mehr als genug. Doch immerhin steigen die Temperaturen deutlich über den Nullpunkt.

Ein Reiseziel für
kühle Genießer




mobil

August 2001





Birgit Heitfeld
storydesk@heitfeld.biz

 


Arktische Euphorie - so nennen Mediziner dieses ganz spezielle Gefühl, das sich im arktischen Sommer einstellt, wenn bei extremen Lichtverhältnissen und klaren
Farben die Unterschiede zwischen Tag und Nacht verwischen. Auf einem umfunktionierten Küstenschiff, der MS Shearwater, bereiste Autorin Birgit Heitfeld die Westküste Grönlands. Von Kangerlussuaq - dort befindet sich der internationale Flughafen - ging es zunächst 180 Kilometer durch den Sondrestromfjord, dann im offenen Meer entlang der Küste Richtung Norden bis zur Eisgrenze und zurück. Grönland zwingt zum Umdenken in punkto Verkehr und Mobilität. Kein Ort ist dort mit einem anderen durch eine asphaltierte Straße verbunden; die 55.000 Einwohner bewegen sich per Schlitten, zu Schiff oder im Flugzeug. Notizen aus dem Reisetagebuch:

Mittwoch, 16. August

Die Nacht an Bord mutete wie eine sanfte Schaukeltour an. Morgens Ankunft in Ilulissat. Der Ort gilt als heimliche Hauptstadt Grönlands. Die echte Hauptstadt ist Nuuk, weiter südlich gelegen. Übersetzt heißt Ilulissat: Eisberge. Wir befinden uns in der Diskobucht. Diese Gegend an der Westküste Grönlands ist am stärksten touristisch erschlossen. Die Menschen hier leben, außer vom Fremdenverkehr, vom Fang des schwarzen Heilbutts und von Krabbenfischerei.

Die Bilder, die man von Grönland im Kopf hat, ohne ja dort gewesen zu sein, entstammen Motiven aus dieser Gegend. Besonders, was die Eisberge angeht. Schon frühmorgens, von der Koje der MS Shearwater aus, lassen sich die riesigen vorbeiziehenden Eiskolosse durchs Bullauge beobachten. Das Ganze erinnert an enen Skulturenpark und ergibt eine grandiose, geradezu surreal anmutende Kulisse. Durch nichts getrübte Helligkeit und klare Konturen erzeugen ein perfekts Bild. Uns durchströmen Gefühle von Zeitlosigkeit.

Die Eisberge sind im Schnitt zwei Jahre unterwegs, bevor sie die berühtmen Fjord in Ilulissat verlassen und ins offene Meer driften. Das Eis, das man hier in allen Formen und Variationen sieht und Kenner in zerkleinerter Form als Eiswürfel in ihren Drinks genießen, ist tausend Jahre alt.

Mit einem Spaziergang lässt sich die Stadt erkunden. Außer der Zionskirche kann man das Geburtshaus des Grönlandforschers Knud Rasmussen besichtigen. Überall bellen Schlittenhunde, die angekettet vor den Holzhäusern herumlaufen und so wirken, als könnten sie das Warten auf den Winter nicht mehr sehr lange aushalten. Sie helfen beim Aufspüren von Robben, bei der Jagd auf Eisbären und Rentiere. Straßenschilder signalisieren hier für die Wintermonate "Vorfahrt für Schlitten". Schlittengespanne und Motorschlitten sind im Winter die wichtigsten Verkehrsmittel. Geregelte Städteverbindungen gibt es nicht.

Donnerstag, 17. August

Ankunft in Uummannaq ("das Herz"). Das Städtchen liegt auf einem 1175 Meter hohen Inselfelsen, der die Form eines Robbenherzens hat. Uummannaq wird - wegen der relativ zahlreichen Sonnentage - auch als grönlandisches Rio de Janeiro bezeichnet. In Per Lauritsens "Hotel Uummannaq", das man direkt vom Hafen aus sehen kann, lässt sich der Nachmittagskaffee auf der Terrasse genießen - bei wenigen Grad Celsius über Null, windgeschützt hinter Glasscheiben. Über dem Hotel weht die Grönlandflagge: Rot für die Sonne, weiß für das Eis. Im Hintergrund sind knallende Geräusche zu hören, wie Schüsse aus gewaltigen Gewehren. So hören sich kalbende Eisberge an.

Seit einigen Jahrn veranstaltet der Hotelbesitzer im April ein Golfturnier auf dem Eisfjord. Der Golfkurs ändert sich wegen der Wetterlage jedes Jahr, erzählt Per Lauritsen. Solche Überlegungen erscheinen lachhaft klein in einem Teil der Erde, wo die Uhren eher im Takt vom Jahrhunderten und Jahrtausenden zu ticken scheinen. Uummannaq wurde in den 70er Jahren bekannt - dank eines spektakulären Mumienfundes. Anhand der sehr gut konservierten Körper konnten die Wissenschaftler die Kulturgeschichte der Ureinwohner Inuit erforschen. Heute sind diese Mumien im Nationalmuseum in Nuuk ausgestellt.

Freitag, 18. August

Kaum sind die Lunch-Pakete an Bord gepackt, stoppt das Schiff in Marmorilik. Hier gibt es eine alte Mine und einen Steinbruch, in dem im 19. Jahrhundert Marmor, Zink, Blei und Silber gewonnen wurden. Aber alle, die sich gut und sicher zu Fuß fühlen, nehmen lieber an der "Extremwanderung" im Gletschertal teil. Viereinhalb Stunden über Geröll und Felsen hinauf nach Grünau. An diesem historischen Fleckchen Erde - wir snd abgeblich die erste Trouristengruppe hier - soll die Expedition des Geowissenschaftlers Alfred Wegener im Jahre 1930 entlanggezogen sein, um zum Inlandeis auszusteigen, mit 20 Expeditionsteilnehmern, einer Gruppe Ponies, Motorschlitten sowie einem Haufen Gepäck.

Hier sollen auch noch Reste von dieser Expedition zu finden sein, zum Beispiel eine alte Zinkflasche für Petroleum. Nach einer Weile entdeckt jemand aus unserer Gruppe tatsächlich dieses Überbleibsel. Es wird ehrfürchtig bestaunt - und natürlich liegengelassen. Man fühlt sich wie ein Kind auf großer Fahrt: Aufgeregt, auf den Spuren der großen Entdecker zu wandeln. Die Szene strahlt etwas Schönes, aber auch Kompromissloses aus. Vor allem die Vorstellung, unter welchen Bedingungen Menschen hier vor 70 Jahren gegen die Unbilden des Wetters gekämpft haben - und umgekommen sind.

An diesem Abend erreicht die Shearwater den berühmtem Rinks-Gletscher. Zeit für einen arktischen Drink "on the rocks". Es gibt Urkunden für alle Passagiere, die die Extremwanderung absolviert haben.

Montag, 21. August

Bevor die Shearwater vormittags vor Quequertat ("die Inseln") Anker wirft, ist die Dorfälteste über den bevorstehenden Touristenbesuch längst informiert. Patdlunguaq (68), die ihren Heimatort zeitlebens nie verlassen hat, hatte sich über die Silben und Töne gewundert, die ihr Funkgerät auf Frequenz 68 ausspuckte. Und das hier oben im 22-Seelen-Dörfchen Quqertat. "Shearwater, Shearwater, Hannah..." - das waren die Kommunikationsfetzen der Schlauchbootbesatzung mit unserem Kapitän.

Haifischstreifen hängen in Qeqertat zum Trocknen auf einem Holzgestell. Schlittenhunde machen sich über blutige Tier-Innereien her. Strahlend blauer Himmel. Qeqertat hat nur einen winzigen Laden anno 1953 und eine Schule für eine Hand voll Kinder. Es gibt Radioempfang und ein einziges Telefon. Ansonsten viel Ruhe und einen kleinen Friedhof mit weißen Holzkreuzen und Blick über das Örtchen aufs Meer.

In der Hafenbucht sind die Männer des Dorfes gerade damit beschäftigt, einen 3,50 Meter langen Narwal zu zerlegen. Das Tier war am Abend zuvor harpuniert und getötet worden. Es mutet wie eine Zeitreise an zu erleben, auf welche archaische Weise Menschen im 21. Jahrhundert (nur vier Flugstunden von Hamburg entfernt) ihr Überleben sichern.

Besonders kostbar an der Jagdbeute ist für die Grönländer neben dem langen Walzahn - er kostet pro Kilogramm 1100 dänische Kronen (etwa 150 Euro) - das "Mattak" - laut Übersetzung "Haut mit Speck dran". Diese nussig-schmeckenden Stücke vom Wal haben in dieser rauen, gemüselosen Gegend vor allem einen Vorzug: Vitamin C. Auch der Darm des Wals ist - gefüllt mit Eiderenteneiern - für Grönländer eine Delikatesse. Das Walfleisch wird unter den Dorfbewohnern aufgeteilt. Den kostbaren Zahn darf behalten oder verkaufen, wer den Wal harpuniert hat. Hat jeder sinen Anteil bekommen, wird das restliche Fleisch verkauft - zum Beispiel auf dem Markt in Qaanaaq (Thule), mit dem Motorboot drei bis vier Stunden Fahrt von hier aus in nördlicher Richtung.

Nachmittags geht es auf der Shearwater weiter nach Qaanaaq. Das Städtchen entstand 1951 auf dem Reißbrett, als die USA im Zuge des Korea-Krieges eine Militärbasis im damaligen Thule errichteten. Die Bewohner wurden binnen Tagesfrist umgesiedelt. Die so entstandene 650-Einwohner-Siedlung im "Großen Norden" Grönlands nimmt sich gegenüber Qeqertat wie eine Großstadt aus. Es gibt hier sogar ein kleines Museum, ein Altenheim, in dem eine Kunstausstellung gezeigt wird, und ein kleines Hotel, das in fünf Zimmern maximal zehn Gäste beherbergen kann.

Im örtlichen Telefonbuch findet man drei Einträge, die auf "Peary" lauten. Es handelt sich um die Nachfahren des Nordpol-Entdeckers Robert Edwin Peary oder um Oertsansässige, die wenigstens einen Anspruch darauf erheben, Nachfahren von Peary zu sein. Nur dreimal im jahr kommen Versorgungsschiffe nach Qaanaaq - alle drei im August. Pepsi oder Seven up sind dann schon längst aufverkauft, erzählt Hotelbesitzer Hans Jensen über die ganz normalen Alltagskümmernisse am Ende der Welt. Kein Schild weist sein Haus als Hotel aus. Jensen hört an den Geräuschen landender Flieger, wenn Gäste kommen und holt sie dann selbst ab. Von Mitte April bis Ende August ist hier oben die Sonne 24 Stunden pro Tag zu sehen. Von Oktober bis Mitte Februar herrscht dann tiefe Polarnacht.

Dienstag, 22. August

Die Shearwater erreicht die Eisgrenze im Smith Sund. Kurz zuvor, um 10.25 Uhr auf 78 Grad 07 Minuten Nord und 73 Grad 18 Minuten West wird ein Eisbär gesichtet. Oder ist dieser gelbe Fleck vor einem Eisberg, den man durchs Fernrohr ausmachen kann, doch nur eine Robbe? Es ist ein Bär. Die Passagierin, die das Raubtier, aus sicherer Distanz, als erste erblickt hat, wird belohnt: Sie erhält eine Flasche Champagner von der Schiffsleitung.

Im Reisetagebuch kommt heute wieder ein "Zertifikat". Das erhält jeder Passagier als Erinnerung an das "Erreichen der Eisgrenze": 78 Grad 15 N und 73 Grad 25 W. Der nörd- lichste Punkt der Reise. Es hängt vom Wetter ab, wie weit man, auch in den Sommermonaten, überhaupt nach Norden vordringen kann.

Mittwoch, 23. August

"Das grüne Haus, das ist es!" ruft ein Fotograf aus der Gruppe. Die Rede ist vom nördlichsten Haus im drittnördlichsten von Menschen bewohnten Ort der Erde, Siorapaluk. Von der Eisgrenze aus befindet sich das Schiff nun schon auf der Rückfahrt gen Süden. Übersetzt heißt Siorapaluk "Sandort". Beim Anlanden mit den Schlauchbooten blickt man auf feinen Sandstrand. Im Hintergund Holzhäuschen in Blau, Gelb, Rot, Grün. Dass diese wacklig anmutenden Gebäude den Temperaturen im Winter standhalten können! In den kalten Monaten kann das Thermometer hier unter die Minus-30-Grad-Marke fallen. Siorapaluk im August erinnert an Dänemark. Algen liegen in den Felsen. Die Luft trägt einen würzigen Duft.

Im Laden des Ortes gibt es Videos, Gewehre, Bootsbekleidung und Briefmarken mit Walmotiven zu kaufen. Manager Tommy Perrson kommt von der Shearwater und besorgt hier Zucker für die letzten Tage an Bord. die Poststation in Siorapaluk, auch im Laden angesiedelt, beglückt die Touristen mit dem nördlichsten Poststempel Grönlands.

Ein Mitglied der Crew geht hier im Meer baden. Wassertemperatur: um die vier Grad. Auch draußen steigt das Thermometer während der Sommermonate Juli und August nur wenig über den Gefrierpunkt. Durch das starke Licht und die trockene Luft fühlt sich das aber wesentlich wärmer an. Zurück aufs Schiff, wir nehmen Kurs Kangerlussuaq.






Diskobucht, Ilulissat





















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